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Interview
Zwei Generationen - ein Ziel: Jede Oberfläche meistern.
Wenn Sie einem Unwissenden die Vorzüge Ihrer Marker erklären müssten, wie sähe das in einem Satz aus?
Volker Ledermann: Flüssiges Schreiben und permanentes Markieren.
Per Ledermann: Ich würde ihn fragen, für welche Anwendung er das Produkt bräuchte. Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, das ideale Produkt in Topqualität für jeden Zweck anzubieten. Will er auf eine Weißwandtafeln schreiben, sollte der Stift beispielsweise abwischbar sein.
Als internationales Unternehmen haben Sie sich für den Standort Ahrensburg entschieden. Warum?
Volker Ledermann: Wir haben die Firma in Hamburg gegründet und sind über mehrere Stationen dort geblieben. Doch die Stadt war teuer und Ahrensburg damals als Zonenrandgebiet steuerlich gefördert. Zudem lebte Carl-Wilhelm Edding in Volksdorf und ich in Siek, da lag Ahrensburg in der Mitte.
Den Begriff „Start up“ gab es zur Gründung 1960 nicht, wie war es, damals ein Unternehmen zu gründen?
Volker Ledermann: Ich bin ein Schulfreund von Carl-Wilhelm Edding. Später wurde ich Exportleiter bei einem Unternehmen für Bürobedarf und Werbegeschenke. Edding war bei einer japanischen Import-Firma beschäftigt. Aber wir meinten beide, wir könnten das besser alleine machen. Also habe ich zunächst weiter gearbeitet und Edding machte halbe Tage als Angestellter. In unserer Freizeit haben wir Pläne geschmiedet. Unser erster Auftrag waren Feehaarpinsel, also Künstler-pinsel, die wir an Pelikan verkauft haben.
Wann kamen Sie auf Marker?
Volker Ledermann: Wir hatten Kontakt zu einem Japaner, der einen Filzschreiber names Tink-Ink verkaufte. Das war so ein Glasfläschchen mit Filz drin. Der war sehr gut, nur etwas plump und schwer wegen dem bruchsicheren Glas. Wir fanden ihn toll und haben ihn als edding No. 1 verkauft.
Haben Sie den damals aus Japan importiert?
Volker Ledermann: Ja, wir bekamen Kontakt zu einer Vertriebsorganisation, die unser Produkt in ganz Deutschland in den Handel brachte. Die zahlten die Ware innerhalb von acht Tagen mit Skonto. Bei unseren japanischen Lieferanten hatten wir ein Akkreditiv, das erst nach 120 Tagen fällig war. Somit hatten wir nach Ankunft der Ware noch knapp 100 Tage Zeit, sie zu verkaufen. Das war manchmal ein Spagat. Ich bin in der Zeit viel gereist.
Vermutlich nach Japan?
Volker Ledermann: Natürlich, denn damals kamen alle Innovationen auf unserem Sektor aus Japan. Die Reisen dorthin waren nicht einfach. Man flog 37 Stunden mit vielen Zwischenstopps. Für die Kommunikation mit unseren Lieferanten gab es weder Fax noch Email. Ein Brief war zehn Tage unterwegs und die Antwort noch mal die gleiche Zeit.
Wie haben Sie die Sprachbarriere überbrückt?
Volker Ledermann: In Japan ging es immer mit Englisch, wenn es um Geschäfte ging. Doch in Hotels war das oft anders: Die Zimmer hatten keine Nummern, sondern Namen. Ich habe mir einen Stift genommen und den Namen auf meine Hand geschrieben, damit ich mein Zimmer wiederfand. Es gab extra Pantoffeln, fürs Restaurant, fürs Zimmer, für die Toilette. Im Zimmer stand kein Bett und kein Stuhl, nur ein niedriger Tisch. Man konnte die Zimmertür nicht abschließen. Das Zimmermädchen sprach kein Englisch, kam öfters rein und fragte etwas, das ich nicht verstand. Ich antwortete nur „hai“ - Ja. An dem Abend habe ich 27 Tees bekommen. Irgendwann kam sie und brachte das Bettzeug. Anscheinend waren nur Steine in dem Kopfkissen und die Unterlagen war mit Kirschkernen gefüllt. Das war hart und gewöhnungsbedürftig.
Per Ledermann: Wenn man heute in Japan auf dem Lande ist, kann man solche Erlebnisse noch immer haben. Unsere Lieferanten sind mitunter weit weg von Tokio und da gibt es Ecken, wo wenig Englisch gesprochen wird.
Zurück nach Hamburg: Wie kann man sich die ersten Büroräume vorstellen?
Volker Ledermann: Wir haben einen Souterrain-Raum in Hamburg-Barmbek angemietet. Da hatten wir 5.000 Mark Startkapital und eine alte Schreibmaschine. Aber wir hatten Glück, durch berufliche Kontakte bestand bereits ein fester Abnehmerkreis. Natürlich hatten wir finanzielle Engpässe, die wir mit einem Bankkredit überbrücken wollten.
Wurden junge Unternehmen damals gefördert?
Volker Ledermann: Keineswegs. Wir wollten 1.000 Mark von der Bank geliehen haben und alle schüttelten nur mit dem Kopf. Wir mussten uns allein durchbeißen, doch wenn man unter 30 ist, hat man nicht so viel Angst.
Wer hat anfänglich Ihre Permanentmarker gekauft?
Volker Ledermann: Damals nannten wir sie noch Schnellschreiber, wobei es immer um permanentes Markieren ging. Nach dem Kellerbüro hatten wir Räume in Hafennähe. Lageristen und Speditionen nutzen unsere Produkte, um Säcke und Kisten zu beschriften. Aber es gab auch einen Bürobedarfshändler, der uns jungen Leuten auf den Sprung geholfen hat. Wir haben auch Glück gehabt.
Gab es bei der Firmierung Diskussionen? Oder war klar, dass die Firma edding heißt?
Volker Ledermann: Es war klar, dass wir einen Familiennamen nehmen. Weil künstliche Namen als Marke eingetragen werden mussten, doch das konnten wir nicht bezahlen. Wir fanden beide Edding kürzer, prägnanter und internationaler als Ledermann.
Unternehmerteams sind meist erfolgreich, wenn sich ihre Eigenschaften ergänzen. Wie war das bei Ihnen?
Volker Ledermann: Herr Edding war mehr ein Tüftler. Er hat an den Produkten gearbeitet, während ich durch die Weltgeschichte reiste, um Kunden zu akquirieren. Da haben wir uns ergänzt. Wir sind beides keine Menschen, die in die Öffentlichkeit drängen. Edding mag das noch weniger als ich, darum zuckt er immer zusammen, wenn er gefragt wird, ob er etwas mit der Marke zu tun hat und versucht das zu vertuschen.
Doch als börsennotiertes Unternehmen ist man ein Stück weit öffentlich. Was hat Sie an die Börse getrieben?
Volker Ledermann: Es gab mehrere Gründe, einer war der Expansionsdrang in die USA. Uns war klar, dass wir dafür mehr Geld brauchten als wir hatten. Wir haben es wieder über eine Bank versucht – die wollten oder konnten uns nicht helfen. Jedenfalls hat das zum Bruch mit dieser Bank geführt.
Per Ledermann: Die sich deswegen bis heute an uns die Zähne ausbeißt.
Volker Ledermann: Ein weiterer Grund war, dass Herr Edding damals schon andeutete, dass er sich irgendwann zurückziehen wolle. Ich hätte ihn niemals auszahlen können. Da bot sich die Lösung mit der Börse an. Über die Jahre habe ich peu à peu Aktien zurückgekauft. Heute sind sie wieder im Besitz der Familie Ledermann. Wir sind ein Familienbetrieb.
Stichwort Familie. Bei vielen Familienunternehmen bereitet der Generationswechsel Probleme. Wie haben Sie es gelöst?
Per Ledermann: Ich hab mich da intensiv mit beschäftigt, mit der rechtlichen aber auch der familiären Seite. Wenn etwas schief läuft, dann strahlt das auch auf die andere Seite ab. Bei uns regelt eine Charta das Rechtliche. Eins der Dinge, die ich meinem Vater hoch anrechne ist, dass er sich mit meinem Eintritt komplett zurückgezogen hat.
Volker Ledermann: Ich möchte nicht als Vater meinen Sohn kontrollieren. Ich hab die Entscheidung getroffen, dass ich ihm das zutraue. Per ist schon als Kind oft mit auf Geschäftsreisen gekommen. Ich hab ihm aber nicht dazu gezwungen, er hätte auch Arzt werden können.
Per Ledermann: Ich habe mich vorher in anderen Industrien umgesehen. In der Schulzeit habe ich ein Praktikum beim Tierarzt gemacht. Ich war im Tourismus unterwegs, in der Ölbranche und hab mit Lebensmitteln gearbeitet.
Die Digitalisierung lässt Menschen weniger mit der Hand schreiben. Ist das für edding eine Herausforderung?
Per Ledermann: Von der Sache her würde ich sagen, ist es auf jeden Fall so. Wobei es hat nicht so viel Volumen aus dem Markt genommen, wie man vermuten würde. Bei unseren Produkten greift die Digitalisierung weniger: Sie werden in Fertigungsprozessen eingesetzt, da wird auf heißem oder fettigem Metall markiert. Das kann man nicht digitalisieren.
Volker Ledermann: Unser Schwerpunkt ist Markieren und alles, was damit zusammenhängt. Wenn die Hausfrau Marmeladengläser beschreibt, ist das im Grunde eine Markierung. Da kann man nicht mit Bleistift oder Kugelschreiber drauf schreiben.
Was ist für Sie der außergewöhnlichste Ort, wo ein Marker von Ihnen eingesetzt wird?
Volker Ledermann: Es gibt viele erstaunliche Orte: Imker markieren die Königin mit unseren Produkten.
Per Ledermann: Ein anderes Beispiel ist die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Da rief das Ticket-Büro hier an, die mussten Eintrittskarten übertragbar machen. Drucken ging nicht, also wollten sie einen Stift, der auf dem Material schnell trocknet, nicht abwischbar und nicht radierbar ist. Wir haben denen Stifte geschickt, die wir normalerweise für die Raumfahrtindustrie herstellen.
Auf der anderen Seite, dürfen Verkehrsbetriebe und Schulen Sie nicht sonderlich schätzen.
Per Ledermann: Bei den Schulen sieht man die Kehrseite des permanenten Markierens. Da steht auf der Liste für Schüler: eddings sind unerwünscht. Das ist natürlich Käse, gemeint sind Permanentmarker. Aber wir haben auch Farbstifte oder Schreibstifte, die wunderbar in den Schulalltag gehören.
Mit Verkehrsbetrieben arbeiten wir eng zusammen. Wir machen unsere Produkte nicht für Sachbeschädigung.
Erfolgreiche Produkte kommen von erfolgreichen Mitarbeitern. Was macht die „edding Tinte im Blut“ aus?
Volker Ledermann: Wir haben viele Mitarbeiter, die schon sehr lange bei uns sind. Das bindet natürlich, früher habe ich uns immer mit einer Familie verglichen. Damals sind wir freitags bei schönem an die Ostsee zum Baden gefahren und haben den Anrufbeantworter eingeschaltet. Das geht heute nicht mehr so einfach.
Per Ledermann: Es ist eine positive Grundatmosphäre da, die von unseren Leuten getragen wird. Wir versuchen das beizubehalten. Es gibt kaum Hierarchien, wir pflegen einen kooperativen Umgang und im Zweifel legen die Mitarbeiter eine Schippe drauf. Wir haben gerade ein wirtschaftlich schwieriges Umfeld angesichts der Wirtschaftskrise. Aber unsere Mitarbeiter ziehen da an einem Strang.
Werfen Sie bitte mal einen Blick in die Kristallkugel: Wo seht Ihr Unternehmen in zehn Jahren?
Volker Ledermann: In diesem Jahr wurden unsere Vorhersagen über den Haufen geworfen, von daher ist das schwer über einen so langen Zeitraum etwas zu sagen. Aber ich denke, edding hat alle Chancen, weiter zu existieren und auch weiter zu wachsen.
Per Ledermann: Wir fragen uns, in welchen Bereichen lässt sich Wachstum realisieren. Das sehen wir aktuell bei unserer Marke Legamaster. Wir haben schon eine ganze Weile interaktive Tafeln im Sortiment. Man schreibt auf einer weißen Tafel und das wird für den Computer digitalisiert. Das war bislang eine Nische. Dann kommt die Krise und die Bundesregierung bringt ein Konjunkturpaket auf den Weg, von dem auch Schulen profitieren. Auf einmal werden alte grüne Kreide-tafeln durch interaktive Tafeln ersetzt. Noch vor drei Jahren machten die sechs Prozent unseres Umsatzes bei Legamaster aus, dieses Jahr werden es rund 30 Prozent sein. Es zeigt, man muss auch Durchhaltevermögen haben, wenn man von einer Idee überzeugt ist.
Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Volker Ledermann: Ich bin Reiter und pflege ein 31.000 Hektar großes Naturschutzgebiet in Afrika, wo ich auch Pferdezucht und Tourismus betreibe. Das kostet natürlich Zeit, so etwas aufzubauen. Das ist nicht nur reines Vergnügen, sondern letztendlich auch ein Betrieb. Da ich da nicht ganz und gar hinziehen möchte, muss ich mehrfach im Jahr dort auf der Matte stehen und Probleme lösen. Außerdem bin ich Segler. Früher nur am Wochenende, heute geh ich auch mal drei Wochen auf Tour.
Per Ledermann: Ich bin beruflich derzeit gut ausgelastet. Ich habe eine Familie mit drei Kindern zwischen 3 und 13. Ich versuche, die Familie in den Arbeitsalltag einzubinden. Insofern strolchen meine Kinder am Wochenende schon mal durch die Flure oder fangen Fische im Teich vor der Tür. Zum Ausgleich spiele ich Handball, in der einer Mannschaft zu der ich bereits seit 20 Jahren gehöre.
Zum Abschluss: Sie schwören zwar dem Personenkult ab, aber es gibt sicher berühmte Personen, bei denen Sie stolz sind, dass sie Ihr Produkt nutzen.
Per Ledermann: Bei mir ist das eine Situation, bei der George Bush Senior, Michael Gorbatschow und Helmut Kohl ein Stück der Berliner Mauer mit einem edding signieren.
Volker Ledermann: Stolz ist das falsche Wort. Ich freue mich, wenn ich im Fernsehen sehe, da unterschreibt jemand mit einem edding. Es ist schön zu sehen, dass unsere Produkt so weit in den Markt gedrungen und heute nicht mehr wegzudenken sind.